21.04.2007 Wichtiger als Theorien und hypothetische Fragen ist im Islam die Exzellenz der persönlichen Eigenschaften. Von Hanae Massoudi, Stuttgart
(iz). „Ich wurde nur gesandt, um guten Charakter zu vervollkommnen“ (Überlieferung des Propheten Muhammad)
„Erzählungen über die Rechtsgelehrten sind mir lieber als eine große Menge Fiqh, denn sie sind die Höflichkeiten unserer Leute.“ (Imam Abu Hanifa, nach Qadi ‘Ijad)
Wird man wie ich als muslimische Frau auf meine Religion angesprochen, dann fällt das Gespräch viel zu oft auf Themen wie das Kopftuch, Zwangsheirat oder die so genannte „Rolle der Frau im Islam“. Jenseits dieser berechtigten und auch verständlichen Fragen geht dabei leider unter, dass wir als Muslime - egal ob wir Frauen oder Männer sind - eine große, bisher unbekannte Welt der Möglichkeiten in unserem Inneren haben, die leider angesichts dieser tagesaktuellen Fragen vielfach ignoriert wird. Nur die wenigsten können verstehen, dass die Frage nach meiner Nähe zu Allah und eine „gute“ Lebensführung für mich wichtiger sein könnten, als Fragen banaler Äußerlichkeit.
Um zu verstehen, wer wir sind und was wir als menschliche Wesen sein könnten, müssen wir uns jenen Lebensentwürfen und Vorbildern zuwenden, wie sie im Qur’an niedergelegt sind und wie sie in Zeiten der muslimischen Hochzivilisationen vorgelebt wurden. Allah sagt an einer sehr bekannten Stelle des Qur’ans, dass er die Menschen und die Dschinn [jene Wesen, die aus rauchlosem Feuer gemacht sind] nur erschaffen habe, damit sie Ihn anbeten. Nach Ansicht der traditionellen und anerkannte Kommentatoren der göttlichen Offenbarung meint dies zwei Dinge: Die Anbetung Allahs in der den Menschen und Dschinn angemessenen Art und Weise, aber auch das notwendige Wissen von Allah (Ma’rifa), welches für eine passende Anbetung überhaupt erst die Grundvoraussetzung ist

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Hier erhalten wir bereits einen Geschmack davon, wie das islamische Phänomen, welches dem Menschen bei seiner Schöpfung als die ihm eigene Lebensweise aufgetragen worden ist, im Verhältnis zur real existierenden Banalität steht, aus der Medien einerseits und ideologische Bewegungen der so genannten „muslimischen Welt“ den Islam ein Stück weit gemacht haben. Die andere Seite des Verstehens besteht in dem bekannten Lehrsatz, wonach der ganze Din nichts anderes sei als guter Adab. Mit Adab ist an dieser Stelle das intuitive Verhalten gemeint, welches sich nicht durch den gesellschaftlich vermittelten Prozess „guter Umgangsformen“ und ein vorheriges Nachdenken ergibt. Jenseits theoretischer Texte, wie ein „guter Muslim“ sich zu verhalten habe, zeigt uns sein Adab, wie es innerlich und äußerlich tatsächlich um ihn bestellt ist. Auch aus diesem Grund gehört es zu jedem Beginn einer ernsthaften menschlichen Weiterentwicklung, zuerst die Gesellschaft jener Menschen zu suchen, die weiter entwickelt sind als wir selber - so wie man beim Sport auch nur dann wächst, wenn man sich mit jenen misst, die besser sind als man selbst. Im negativen Sinne gilt genau das gleiche: Wenn wir jemandem begegnen, sei er Ideologe, Aktivist oder „Prediger“, der aber die grundlegenden menschlichen - lassen wir die „islamischen Werte“ mal beiseite - Umgangsformen nicht beherrscht, können wir nur schwer ernst nehmen, was er oder sie zu sagen hat. Aus diesem Grund haben die politischen Phänomene unserer Zeit, die sich „den Islam“ auf die Fahnen geschrieben haben, auch eine immer geringer werdende Anziehungskraft, da sie kein praktikables Vorbild für den einzelnen Muslim anzubieten haben. Wer also wissen will, was der Islam sei, der wendet sich am besten an eine lebendige muslimische Gemeinschaft, um zu verstehen, was es in unserer heißen kann, als Muslim oder Muslimin zu leben.
Als Muslime leben wir in zwei Welten - der sichtbaren und der unsichtbaren. Unsere Glaubenswelt ist nicht von unserem Verhalten in unserer persönlichen Sphäre und im Umgang mit anderen zu trennen.
So ist es die prophetische Sunna, die Anbetung Allahs durch unsere Absichten, Worte und Handlungen anzustreben - bei jeder Bewegung aber auch in der Ruhe

. Unsere Sehnsucht gilt der Nächsten Welt und bewegt sich leidenschaftslos in dieser Welt. Wir Muslime - jeder einzelne von uns - sollten darüber nachdenken, was wir sind und was wir sein wollen, denn wir werden am Jüngsten Gericht von den Toten erweckt und über unser eigenes Leben befragt werden. Es ist die Sunna, darauf zu hoffen, dass unser Gehorsam Allah gegenüber angenommen werden wird und dass unser gelegentlicher Ungehorsam von Ihm vergeben wird.
Es ist verpflichtend für uns, mit dem zufrieden zu sein, was Allah der Allerhöchste für uns geschrieben hat - sei es in Seinen Handlungen wie der Krankheit, Armut, Schwäche und so weiter. Ebenso ist es verpflichtend, geduldig mit Allahs Entscheidung zu sein.
Die Geduld mit den persönlichen Schwierigkeiten ist durch den Konsens der Vernünftigen verpflichtend gemacht. Was ihre Anerkennung betrifft, so ist es eine spirituell höhere Position, mit dem eigenen Geschick zufrieden zu sein - auch wenn dies nicht verpflichtend ist. Noch höher als die Zufriedenheit mit der Entscheidung Allahs wegen der darin enthaltenden Segnungen - angesichts der Belohnungen, wenn geduldig gehandelt wird.
Es ist Teil des Adabs des hohen Pfades des Islam, ehrlich zu sein, wenn man spricht. Der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Wahrhaftigkeit führt zur Güte und Güte führt zum Paradies. Wahrlich, ein Mann spricht solange die Wahrheit, bis er als durch und durch ehrlich wahrgenommen wird. Und Lüge führt in die Irre, und das in die Irre gehen führt in die Hölle. Wahrlich, ein Mann lügt, bis er durch und durch als Lügner gilt.“ (Muslim)