Wednesday, der 08.09.2010



 
 
Päpstlicher als der Papst 2005-12-19 23:29:07
Zweifel an Darwins Theorie sind nicht nur in den USA gerade im Trend, es gibt sie auch in Deutschland. Eine kleine Gruppe von Bekennern kämpft gegen den »Irrglauben Evolution«. Ihr Vokabular klingt akademisch, ihre Motivation aber ist biblisch. Und zwar ganz wörtlich.

Von Stefan Schmitt

Vlotho im Weserbergland ist wahrlich kein Moloch. Die Lange Straße, neues Verbundpflaster zwischen aufgehübschten alten Fachwerkhäusern, zwängt sich eng durch das Tal. Es ist dämmrig und leer. Nur aus dem umgebauten Ladenlokal der Pfingstgemeinde strahlt Licht.

»Hat die Bibel doch recht und Darwin sich geirrt?«, fragt ein Faltblatt und lädt zu einer »kritischen Dokumentation zur Diskussion um Evolution und Schöpfung«.

Christian Dreber, ein Endfünfziger mit dünnem Rollkragenpulli und Wolljackett, ist aus Bremen angereist, Digitalprojektor und Laptop im Gepäck. Er macht das nicht zum ersten Mal: Zitate und Fotos seiner Präsentation passen perfekt zusammen. Klick. Das Buch Vom Ursprung der Arten erscheint, jenes Werk, mit dem Charles Darwin 1859 Wissenschaftsgeschichte schrieb. Klick. Lob für Darwin auf der Leinwand. »Naturalistisch« steht da, »ganz famos« und die Namen der Zitierten: Karl Marx und Friedrich Engels. Weltbekannte Atheisten. Ein paar Zuhörer raunen. Der Boden ist bereitet.

An dem Pult, das sonst der Prediger der Pfingstgemeinde besetzt, wirbt Dreber an diesem Donnerstagabend im Oktober dafür, die Entwicklung des Lebens nicht mit dem gängigen Modell von der Abstammungslehre zu erklären. Als Argumente hat er »neue Daten aus der Naturwissenschaft« und einen Artikel der Zeitschrift Geo aus dem Jahr 1984 (»Darwinismus - der Irrtum des Jahrhunderts«) mitgebracht.

Klick. Stammbäume, Fossilien, Tierfotos leuchten auf der Leinwand auf. Dreber zeigt die drolligen Mischlinge einer Wölfin und eines Pudels aus einem Kreuzungsversuch. »Die F1- und die F2-Generationen hat man dann wieder miteinander gekreuzt«, referiert er wissenschaftlich. »Das ist dann Inzucht«, flüstert ein großer Mann mit Dreitagebart seiner Sitznachbarin zu. Den Fotos der Mischlingskinder und -enkel sieht man an, dass sie entweder wieder stärker in Richtung Wolf oder Richtung Pudel tendieren. Da könne man sehen, dass es durch zufällige Kreuzung keine Höherentwicklung in der Natur gebe. Ein Mann in der vorletzten Reihe lacht kehlig. Nicht aus ersten Einzellern habe sich die Vielfalt des Lebens entwickelt, sagt Dreber. Nein, »in einem Schöpfungsakt« seien fertige »Grundtypen« auf die Erde gekommen, so etwa die »Hundeartigen«. Aus denen haben sich dann im Laufe der Zeit per »Mikroevolution« unterschiedliche Varianten wie Wolf oder Pudel gebildet. Eine »Höherentwicklung« habe es jedoch nicht gegeben: »Mutation ist in 99,99 Prozent der Fälle negativ!« - »Eben, so isses«, pflichtet eine Dame mit Batiktuch bei.

Im ersten Buch Moses, Genesis 1,24 heißt es: »Und Gott sprach: Die Erde bringe hervor lebendiges Getier, ein jedes nach seiner Art: Vieh, Gewürm und Tiere des Feldes«. Grundtypen also.

Klick. Dreber schließt mit einem hübschen Beispiel, dem brasilianischen Schillerfalter Morpho didieus. In der mikroskopischen Vergrößerung werden unzählige Blättchen sichtbar, aus denen sich die bunten Flügel des Schmetterlings zusammensetzen. Passt perfekt. Könnte das alles bloß Zufall gewesen sein? »Ich persönlich beantworte diese Frage mit dem Hinweis auf einen Schöpfer. So was braucht Plan!« Ein letzter Klick. Applaus, dann gibt es Tee und Kekse.

»Ich hatte die Biologielehrerin meiner Kinder eingeladen«, ereifert sich im Aufstehen die Batiktuch-Dame. »Ich möchte, dass sie das wissenschaftlich ehrlich ausdrückt und alles als Theorie deklariert.« - »Ja, so fange ich jetzt auch an. Meine sind gerade auf die Realschule gekommen«, erwidert der Mann mit dem kehligen Lachen. Die Botschaft ist auf fruchtbaren Boden gefallen.

Wer daran zweifelt, dass das Leben auf der Erde sich im Großen und Ganzen anders entwickelt hat, als es die moderne Synthetische Evolutionstheorie beschreibt, gehört einer Minderheit an. Zwar glauben laut einer repräsentativen Infratest-Umfrage im Auftrag von ZeitWissen 50,4 Prozent der Deutschen, eine höhere Macht habe die Erde und das Leben auf ihr erschaffen (Osten 34,7 Prozent, Westen 54,4 Prozent). Immerhin 28,8 Prozent glauben nicht, dass Affe und Mensch einen gemeinsamen Vorfahren haben. Bis heute aber ist in keiner seriösen naturwissenschaftlichen Fachzeitschrift ein Aufsatz veröffentlicht worden, der Belege für einen lenkenden Gestalter enthielte.

»Es gibt in der Biologie keine Debatte über die Evolution«, sagt Ulrich Kutschera, Vorsitzender der AG Evolutionsbiologie im Verband Deutscher Biologen (VDBiol). »Wissenschaftler forschen, diskutieren und streiten unablässig über Details der Stammesentwicklung. Immer wieder werden dabei auch Fehlannahmen verworfen. Aber nach Datenlage aus Funden, Experimenten und unserem Verständnis der Lebensprozesse ist es unstrittig, dass eine Evolution stattgefunden hat«, betont Kutschera, »eine Entwicklung von primitivsten Lebensformen hin zur Welt, die wir kennen, getrieben durch zufällige Veränderungen, beeinflusst durch Umweltbedingungen und Konkurrenzdruck.« Kutschera kann für seine ganze Zunft sprechen. Josef Reichholf, Evolutionsbiologe und Vogelkunde-Leiter in der Zoologischen Sammlung München, sagt: »Die Fragen, die diese Leute aufwerfen, sind so gut wie alle beantwortet. Entweder wissen sie hoffnungslos zu wenig - oder sie argumentieren selektiv.

« Dennoch hat der vermeintliche Streit um die Entstehung des Lebens in diesem Jahr eine breite Öffentlichkeit erreicht. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Süddeutsche Zeitung veröffentlichten im Sommer Artikelserien zum Thema. Das ZDF nahm sich des Themas an, genauso wie der Bayerische Rundfunk und der SWR. Zwar berichtet die Presse ablehnend. Auch Negativberichterstattung aber trägt zum falschen Eindruck bei: Immer mehr Streit um die Gültigkeit der Evolutionstheorie! - genau das Ziel der Evolutionsleugner in den USA.

Von dort schwappte die Aufmerksamkeit für das Thema in die deutsche Öffentlichkeit über. In den USA gingen 2005 die Vertreter einer Idee namens Intelligent Design (ID) in die Offensive (siehe »Keile für Darwin«): Mit wissenschaftlichem Vokabular und pseudowissenschaftlichen Argumenten wollen sie die Evolutionstheorie diskreditieren und ihre ID-Hypothese als gleichberechtigtes Alternativmodell danebenstellen. Naturalismus - die auf Überprüfbares beschränkte Methode aller wissenschaftlichen Arbeit - gilt ID-Vertretern als Ideologie von Atheisten, die Gott aus ihrem Modell der Welterklärung drängen wollen. Auch hier wird Darwin gerne im selben Atemzug mit Marx und Engels genannt - und im nächsten Atemzug mit Hitler und Stalin. Atheisten, Ketzer, Teufelszeug, allesamt.

Doch in Deutschland? Die Gesellschaft ist nicht eben die frommste, und die beiden großen Kirchen halten Frieden mit der Wissenschaft. 1996 hat der verstorbene Johannes Paul II. erklärt, die Evolutionstheorie sei »mehr als eine Hypothese«. Da muss schon päpstlicher sein als der Papst, wer Glauben und Wissen gegeneinander ausspielt.

München, Mandlstraße, einen Steinwurf vom Englischen Garten entfernt - die Katholische Akademie in Bayern hat zur »Philosophischen Woche« geladen. Philosophieprofessor Christian Kummer, Mitglied des Jesuitenordens, fragt im Programm unter dem Titel »Neuer Streit um die Evolution«: »Ist - angesichts der immer noch spärlichen Beweislage - Darwins Theorie selbst mehr als eine Form von Glaube?« Für die Mitglieder des Vereins Studiengemeinschaft Wort und Wissen (W+W) ist alleine schon Kummers eigenwillige Feststellung ein Erfolg. Nun lauschen 200 Gäste dem W+W-Mann Reinhard Junker. Anderthalb Stunden lang versucht er, Zweifel an der zufälligen Entstehung des Lebens auf der Erde zu wecken.

»Es gibt zwei Gruppen von Evolutionskritikern«, referiert Junker, »die erste lässt die Evolution so stehen und sieht darin einfach ein Eingreifen höherer Mächte. Die andere Gruppe - und dazu gehöre ich - lehnt das Evolutionsparadigma ab. Alle Lebewesen wurden durch geistiges Eingreifen geschaffen.« Ein gesetzter Herr, der sich als »Pädagoge und Hobby-Paläoanthropologe« vorstellt, beglückwünscht Junker nach dem Vortrag: »Ich finde viele Ihrer Fragestellungen genial!« Ganz überzeugt ist er aber noch nicht: »Sie arbeiten ja auch bloß mit Plausibilitäten.

« Junker blickt in viele skeptische Gesichter. Der Erfolg ist, überhaupt hier zu sein. Etwas Lampenfieber sieht man ihm an, so viele Leute, so ein Publikum, das ist eine Premiere. Professoren sind gekommen, natürlich Pfarrer, Lehrer, aber auch Juristen, Ärzte, gar ein Botschafter a. D. und nicht bloß aus Oberbayern. Noch im Februar, als die Katholische Akademie das Thema interessierten Studenten schmackhaft machen wollte, mangelte es an Anmeldungen. Nicht so an diesem Dienstag im Oktober.

Darwins Kritiker in Deutschland nutzen die Aufmerksamkeit, die ihnen plötzlich zuteil wird. Zwei Tage später spricht ein W+W-Mann in Untermünkheim über »Biblisches Menschenbild im Zeitalter der Bioethik«. Reinhard Junker ist am Freitag schon wieder unterwegs ins badische Loffenau, wo er ein Schülerwochenende zum Thema »Vom Tier zum Menschen?« leitet. Übers nächste Wochenende fährt Junker an die Weinstraße. In einem Kloster in Neustadt findet die »Fachtagung Physik/Kosmologie« statt.

Die Schöpfungsgläubigen reiben sich nicht nur an der Disziplin Biologie. W+W-Referenten verbreiten Kritik und Gegenthesen zur Geologie und zur Geschichte des Weltalls. Denn die vorherrschende Urknalltheorie passt weder vom Zeitrahmen (knapp 14 Milliarden Jahre) noch vom Ablauf (Gott schuf laut Genesis zuerst das Licht, dann die Erde, danach erst die Gestirne) ins Schöpfungsbild. Und die Geologie mit ihren Aussagen über Entstehung und Alter der Erdschichten und Fossilien konterkariert die Auffassung einer »jungen Erde« (wie jung, ist umstritten, aber es geht um ein paar tausend Jahre, nicht um Hunderte von Millionen - die ganz der biblischen Zeitrechnung verpflichteten »Kurzzeitkreationisten« gehen von nur etwa 6000 Jahren von der Schöpfungswoche bis heute aus).

Der Büchertisch darf auf keiner Veranstaltung fehlen. Stammt der Mensch wirklich vom Affen ab?, Wozu gibt es Sterne?, Evolution - ein kritisches Lehrbuch - die Bücherliste von W+W gleicht der einer theobiologischen Zentralbibliothek. Preise auffallend günstig, offene Rechnungen werden monatelang nicht angemahnt. Ums Geschäft geht es hier nicht. »Wort und Wissen vertreibt didaktisch hervorragend aufgemachte Bücher«, sagt der Kasseler Evolutionsbiologe Kutschera, der sich seit Jahren mit dem Thema Kreationismus auseinander setzt, »die sind nur eben inhaltlich völlig inakzeptabel.« Dieser Vorwurf zielt unter anderem auf das kritische Lehrbuch, das Reinhard Junker zusammen mit dem Münchner Mikrobiologen Siegfried Scherer 1986 verfasst hat. Die darin schülergerecht aufbereitete Kritik an der Evolutionsbiologie habe er in seinem eigenen Buch, Streitpunkt Evolution, als »pseudowissenschaftlichen Nonsens« entlarvt, sagt Kutschera:

- »Deutungen von Fossilien als Übergangsformen sind nahezu ausnahmslos umstritten«, behaupten Junker und Scherer. Die fehlenden Übergangsformen seien zwar zu Darwins Zeit ein Problem gewesen, erwidert Kutschera. Doch bereits die wenigen bis heute gefundenen Versteinerungen dokumentierten eindeutig die stufenweise Entstehung biologischer Baupläne (Makro-evolution) und die Bildung neuer Arten und Variationen innerhalb derselben (Mikroevolution).

- »Die Beurteilung der Geschwindigkeit geologischer Vorgänge in der Erdvergangenheit ist ein schwieriges Unterfangen, denn die Geologen können nur Wirkungen, nicht aber Ursachen untersuchen«, argumentieren Junker und Scherer, das Erdalter sei nur eine verbreitete Annahme. Das Alter der Erde infrage zu stellen ist unter Kreationisten weit verbreitet. Kutschera betont: Ein Erdalter von rund 4,6 Milliarden Jahren ist durch zahlreiche voneinander unabhängige und auch unabhängig voneinander durchgeführte Datierungsmethoden abgesichert.

- Von Gemeinsamkeiten innerer Organe auf gemeinsame Urahnen zu schließen lehnen die Schöpfungsbiologen ab, obwohl man bei vielen Tieren verkümmerte Organe findet, die diese von Vorgängerformen geerbt haben. Junker und Scherer schreiben: »Ähnlichkeiten dieser Organe mit solchen mutmaßlicher Vorgängerformen stellen keinen unabhängigen Beleg für Makroevolution dar.« Kutschera erwidert: »Heute wissen wir, dass solche Abstammungsverwandtschaften auch auf dem Niveau der molekularen Bausteine der Organismen etabliert sind. Das zeigen Ähnlichkeiten im Erbgut verschiedener Lebewesen, etwa bei Menschen und Schimpansen, die genetisch nahezu identisch sind.

« Für Laien bleiben die Argumente der Schöpfungsbiologen schwer zu verstehen - oder gar zu widerlegen. Für den Evolutionsforscher Kutschera sind sie schlicht »Fehlinformation, Verdrehung von Tatsachen, Vermischung von Glaube und Wissen«.

Weder das kritische Lehrbuch noch Creatio, ein neues Buch für die Sekundarstufe I, sind in einem deutschen Bundesland als Schulbuch zugelassen. Doch sind Lehrer hierzulande frei in der Wahl ergänzender Materialien. Der Lehrer und Kreationismuskritiker Thomas Waschke berichtet von gezielten Versuchen, Bücher kreationistischen Inhalts in Schulbibliotheken unterzubringen - als Literaturspende. »Es gab sogar ein Angebot, der Schulbibliothek eine weitere Spende zukommen zu lassen, solange nur rund dreißig kostenlos angebotene Titel einsortiert würden. Das Kritische Lehrbuch stand ganz oben auf der Liste.

« Biologie-, aber auch Physik-, Erdkunde- und Religionslehrer werden seit Jahren immer wieder von frommen Schülern konfrontiert. Die Kreationisten liefern ihnen für Referate, Hausarbeiten und Pamphlete wissenschaftlich klingende Fußnoten.

Noch einfacher zu konsumieren sind die Filme aus dem Haus Drei Linden Filmproduktion des Berliners Fritz Poppenberg, etwa Der Fall des Affenmenschen aus dem Jahr 2004: Die Dokumentation spannt einen Bogen von einem kruden Experiment, in dem Sowjetwissenschaftler Affen und Afrikaner kreuzen wollten, über berühmte Fälschungsfälle der Paläoanthropologie bis hin zum angeblichen Evolutionsdogma der Gegenwart. Der Tenor lautet: Seit Darwin fälschen, betrügen und verdunkeln Evolutionsbiologen, um ihre Theorie zu retten.

Im Film kommen Siegfried Scherer und seine Frau Sigrid als Experten zu Wort.

Siegfried Scherer, erster Vorsitzender von Wort und Wissen, ist der Mann, an dem die deutsche Kreationismusdebatte im Herbst richtig entbrannt ist. Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus, der seit einer fragwürdigen Laudatio auf das kritische Lehrbuch in der Kritik steht, lud Scherer im September zu einer Podiumsdiskussion für den Januar ein. Dafür hagelte es in Erfurt Schelte von Opposition, Lehrern und Wissenschaftlern, woraufhin die Staatskanzlei vergeblich versuchte, den Scherer-Antipoden Ulrich Kutschera aufs Podium zu holen. Scherer nahm im Oktober von einer Teilnahme Abstand. Kutschera hatte die Einladung nie angenommen.

»Ich diskutiere doch nicht öffentlich mit einem Kurzzeit- Kreationisten«, sagt er. »Scherer hat erst Anfang Oktober im Interview zugegeben, dass er glaubt, alle Menschen stammten von Adam ab. Man kann mit tief religiösen Menschen in der Öffentlichkeit nicht über Glaubenssätze diskutieren. Die würde man doch der Lächerlichkeit preisgeben. Auf die Frage, wie der Schöpfer die Grundtypen hervorgebracht hat, würde Scherer ›biblische Wunder‹ daherbeten.« Das sei keine Basis für einen wissenschaftlichen Dialog. Ohnehin sei er vorsichtig geworden mit öffentlichen Auftritten: »Wenn die Zeugen Jehovas in den Saal kommen, dann kann ich einpacken. Die stören und rufen rein, bis keine Diskussion mehr möglich ist. Und aus München bekomme ich Droh- und Schmähbriefe. In Wirklichkeit bin ich nämlich der neodarwinistische Oberteufel von Deutschland.«

Dieter Althaus soll ihn als »evolutionsgläubigen Darwinisten« bezeichnet und »Evolutionskritik« eingefordert haben. »Da müsste man jeden Chemiker einen atomgläubigen Daltonisten, jeden Physiker einen photonengläubigen Einsteinisten nennen. Kein Chemiker wird die Existenz von Atomen verteidigen wollen.« Aus welchem Grund sollte man die Evolution kritisieren, fragt Kutschera. »Sie hat stattgefunden, die Belege sind trotz aller Lücken und offenen Fragen eindeutig. Und wir versuchen herauszufinden, wie die Evolution funktioniert - durch Suche nach den molekularen Mechanismen wie etwa Artbildungsgenen.«

Baiersbronn im Schwarzwald wirkt nicht wie das Zentrum einer antimodernen Verschwörung. Walmbedachte Häuser, Holzschindeln an der Fassade, eine schlichte evangelische Kirche im Dorf. 72270 Baiersbronn, Rosenbergweg ist die Adresse der Studiengemeinschaft Wort und Wissen.

Reinhard Junker, grober Wollpulli und Flanellhemd, öffnet die Tür eines Einfamilienhauses. Hanglage, zum Tal hin zweigeschossig, Büsche im Vorgarten. Oben wohnt die Familie, im Parterre stapeln sich hinter einem Fotokopierer Kisten mit Papier und Broschüren. In zwei Büros türmen sich Bücher und Versandmaterialien.

»Die wichtigste Vereinigung deutschsprachiger Kreationisten«, hatte Jesuitenprofessor Kummer W+W genannt. »Wir arbeiten dezentral«, erklärt Junker, Leiter der Geschäftsstelle und eine von vier Vollzeitkräften. Zwei halbe Stellen gibt es noch, sonst nur ehrenamtliche Mitarbeiter und Vortragsreisende. 230 Mitglieder hat Wort und Wissen, die meisten Sportclubs zählen mehr. Geld? Junker sagt, W+W finanziere sich aus Beiträgen und Spenden, es gebe keinen Mäzen, keine Unterstützung durch amerikanische Kreationisten. »Finanziell ist da nie etwas gelaufen«, hält Junker anderslautenden Gerüchten entgegen.

Der 50-Jährige ist der Dienstälteste bei W+W und gleichzeitig Mädchen für alles: Mit einer Hilfskraft verschickt er Infomaterial, Bücher und Filme. Einmal im Quartal gibt er die Zeitschrift Wort und Wissen Info heraus. »Wir richten uns an alle, die sich für Ursprungsfragen interessieren. Viele Leute sind ganz klar desinformiert. Deswegen bereiten wir auch Informationen auf, die man im Unterricht verwenden kann. Wir richten uns an Multiplikatoren, an Studenten, die später mal eine Laufbahn einschlagen werden.« Sein Publikum finde W+W vor allem in den Freikirchen, aber auch in den evangelischen Landeskirchen. »Württemberg im Speziellen ist stark pietistisch geprägt, der klassische Pietismus steht uns recht nahe.« Klingt nach Masse, doch die Auflage des Journals beträgt Junker zufolge rund 7000 Exemplare, gut 6000 gehen an Adressen in Deutschland - rein rechnerisch liest nicht mal einer von 10 000 Bundesbürgern das Heft. »Aber wir schicken nichts unverlangt zu. Die haben das alle abonniert oder bestellt.« So viel zur festen Basis von W+W.

»Wir wollen kontroverse Auseinandersetzung über Evolution im Biologieunterricht, da kann auch mal Schöpfung vorkommen. Im Religionsunterricht sollte das dann vertieft werden«, sagt Junker. Mit der beharrlichen Forderung nach experimentellen Nachweisen für alle Mechanismen in der Geschichte des Lebens glaubt Wort und Wissen, die Biologie in die Enge zu treiben. »Meine evolutionskritischen Argumente wurden bislang nicht entkräftet«, sagt Junker, »für mich ist die Evolution heute eine unbewiesene Hypothese.

« Die »Studienvereinigung« hat keine Labore, es wird nicht experimentiert. Eine Hand voll Naturwissenschaftler schmücken den Verein und sollen akademisch-wissenschaftliche Glaubwürdigkeit verleihen. Doch alleine können sie in Zeiten von Genetik, Mikro- und Systembiologie, von komplizierten Apparaten und weltweiter Unikooperation keine Forschung betreiben. Die eigene »wissenschaftliche Arbeit« (Selbstdarstellung W+W) sieht so aus: Reinhard Junker sitzt zu Hause und schreibt unermüdlich Aufsätze. Seine Quellen: Fachzeitschriften, Websites, Wissenschaftsnachrichten und die überwiegend englischsprachigen Publikationen aus der Kreationistenszene.

Im Wohnzimmer der Junkers stehen Top Gun, Der Herr der Ringe und American Beauty im Videoregal, eine Reihe weiter unten die Jesusfilme. Wie Junker so auf seinem Sofa sitzt, kleine Brille, schwarzer Haarschopf und ein schmales Lächeln auf den Lippen, muss man sich erinnern: Es gibt Menschen, die sehen in ihm eine Gefahr. Weil biblische Pseudobiologie in der Schule schlecht für den Bildungsstandort Deutschland wäre. Weil mit dem wissenschaftlichen Naturalismus auch unser aufgeklärtes Weltbild unter Beschuss gerät, mit allen Folgen - auch gesellschaftlichen. Das Schöpfungsbuch Creatio etwa, das Junker auf dem Klappentext lobt, prangert eine »Missachtung der Schöpfungsordnung« an, wo Alleinerziehende, Homoelternpaare, Doppelverdienereltern oder »Familien mit Hausmann« von der »von Gott gegebenen Form der Ehe« abweichen. Eben noch Genesis, plötzlich wird mit der Bibel anderer Leute Lebensstil verdammt. »Die Frage, wie der Mensch entstanden ist, hat auch Folgen für Ethik und Normen«, sagt Junker. »Aber im Moment sind wir ja nicht in der Mehrheitssituation.« Dann fügt er an: »Vor allem aber sind christliche Botschaft und Ethik ein Angebot. Das Evangelium muss auch in ethischen Fragen seine Kraft entfalten, sonst ist es nichts wert.

Alles andere hieße wirklich, den Teufel an die Wand zu malen.« Wieder ein Lächeln, aus dem Gewissheit spricht.

»Die Offenbarung hat einen klaren Realitätsbezug. Die Kreuzigung und das leere Grab sind genauso real wie ein öffentliches Fußballspiel«, bekräftigt Junker. »Der Sinn des Kommens Jesu ist, sich stellvertretend für die Menschen vor Gott zu verwenden. Das wiederum hängt mit dem Ursprung des Menschen und seiner späteren Abkehr von Gott zusammen.«

Was vertrackt klingt, ist zentral, will man die Motivation von Wort und Wissen verstehen. Nur zu sagen, das seien Fundamentalisten, die eben alles wörtlich nähmen, greift zu kurz. Vielmehr ist die Bibeltreue der Anfangspunkt eines Dilemmas: Erst der Sündenfall hat den Tod in die Schöpfung gebracht. Vorher war sie perfekt. So steht es geschrieben.

Zur Evolutionstheorie hingegen gehört die Auslese. Sünde wird da schnell zum Selektionsvorteil. Ein Widerspruch, so Junker: »Wie hätte Gott den Menschen dann noch zur Rede stellen können und fragen: Was hast du getan?« Ohne sündige Menschen und vergebenden Gott aber macht die Erlösungsreligion Christentum wenig Sinn - solange man die Bibel als faktentreue Offenbarungsschrift liest, darf Evolution einfach nicht der Weg sein, auf dem sich das Leben entwickelt hat.

Ironischerweise fand der spätere Biologielehrer Junker während des Studiums zu einem »persönlichen Glauben«, sagt er. W+W-Vertreter halfen mit Material für seine zweite Staatsexamensprüfung. Die bestand er mit einer Unterrichtseinheit zur Evolutionskritik in einer 13. Klasse. Eine Stelle als Lehrer fand Junker nicht. »Die Kürzungen wegen des Pillenknicks waren so radikal, dass die Chancen minimal waren.« Wegen des Sexualverhaltens der Gottlosen war Junker von Arbeitslosigkeit bedroht - und fand seine Bestimmung.

Zwei Jahre lang wurde sein Engagement bei Wort und Wissen als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) finanziert, dann bezahlte ihn der Verein. Ein leitender Mitarbeiter wohnte ein Dorf weiter, stellte den Kontakt zur Hochschule im belgischen Leuven her, wo Junker promovierte. Über Evolutionskritik. Den Doktortitel, der seine Beiträge zu naturwissenschaftlichen Themen ziert, erwarb er am Fachbereich Interdisziplinäre Theologie. Zweitbetreuer der Arbeit war sein W+W-Mentor. Passt perfekt.

Könnte das alles bloß Zufall gewesen sein? »Eine Frage der Perspektive, für mich als Gläubigen hat Gott natürlich etwas damit zu tun!

« Am Anfang war ...

Viele Kulturen berichten in Überlieferungen vom Anbeginn: Das Alte Testament beschreibt die Erschaffung der Welt in sechs Tagen im 1. Buch Moses. Auch bei den Ureinwohnern Neuseelands ruft Io, der Schöpfergott, kraft seines Wortes die Dinge ins Leben. In der Mythologie Indiens stieg der Gott Vishnu als Schildkröte vom Himmel in ein Meer aus Milch herab und quirlte es, bis darin die Erde entstand. Die Zuni- Indianer im Nordwesten der USA überliefern den Mythos vom Schöpfer Awonawilona, der das Meer befruchtet und dann mit seiner Wärme ausgebrütet hat. Daraus seien grüne Schäume entstanden, die zu Mutter Erde und Vater Himmel wurden. Aus dem China des 3. Jahrhunderts vor Christus stammt der Schöpfungsmythos von Pan Gu. Er war das Kind der zwei Kräfte Yin und Yang und wuchs in einem Ei heran. Als dieses platzte, bildeten die hellen Teile den Himmel, die dunklen die Erde.


Quelle: die Zeit, Hamburg, Germany

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