Eine neue Studie zeigt die frappierende Kinderlosigkeit akademischer Männer. Überschätzen sie ihre Rolle als »Familienernährer«?
Von Susanne Gaschke
Der »demografische Wandel«, unser längeres Leben und die sich ausbreitende Kinderlosigkeit in Deutschland werden uns während der nächsten 30 Jahre als Probleme begleiten. Das würde sich auch nicht ändern, wenn von Weihnachten an ein gewaltiger, völlig unvorhergesehener Babyboom losbräche: Die Kinderlücke, die sich in den vergangenen Jahrzehnten aufgetan hat, ist nicht mehr zu schließen.
Trotzdem kämpfen Familienpolitiker und Wissenschaftler vernünftigerweise für eine Trendumkehr in Sachen Nachwuchs. Die Robert Bosch Stiftung hat mit ihrem in dieser Woche vorgestellten Gutachten Starke Familie einige interessante Facetten in die aktuelle Debatte eingebracht. Manche Überlegungen von Autoren wie Hans-Werner Sinn (zu den Problemen der umlagefinanzierten Rentenversicherung), von Paul Kirchhof (über familienfreundliche Steuermodelle) oder Hans Bertram (zur Entzerrung der Rushhour im Lebenslauf) kommen einem zwar bekannt vor, aber insgesamt ist den Mitgliedern der hochkarätig besetzten Kommission unter dem Vorsitz von Kurt Biedenkopf eine überzeugende Zusammenfassung des familienpolitischen state of the art gelungen. Sie erheben eine Reihe von Forderungen, deren Erfüllung das Leben für Familien mit Kindern erleichtern und verbessern würde. Das reicht von einem »Familiensplitting« bei der Steuer über beitragsfreie Betreuung im Kindergarten bis zur steuerlichen Begünstigung von Haushaltsdienstleistungen und einer familiengerechten Stadtplanung.
Ein gesondertes Gutachten des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in München weist zudem nach, dass der Staat zwar viel Steuergeld für sozial- und bildungspolitische Hilfen und Infrastruktur ausgibt und diese Steuern auch von Kinderlosen einhebt. Doch Familien geben der Allgemeinheit deutlich mehr zurück, als sie bekommen – vor allem durch die Rentenversicherungsbeiträge, die ihre Kinder zahlen werden. Auf rund 77000 Euro beläuft sich der »ökonomische Vorteil, den Eltern mit der Geburt und Erziehung eines durchschnittlichen Kindes erzeugen«.
Nun mag diese Modellrechnung schematisch sein und denkbare gesellschaftliche Veränderungen außer Acht lassen. Es darf auch bezweifelt werden, dass Paare sich bei ihrer Entscheidung für Kinder ausschließlich von ökonomischen Erwägungen leiten lassen. Aber auf jeden Fall macht die eindrucksvolle Euro-Summe noch einmal deutlich, wie viel stärker Eltern zur Alterssicherung der Gesellschaft beitragen als Kinderlose. Ein wie auch immer gearteter Kinderlosigkeitsfaktor in der umlagefinanzierten Rentenversicherung scheint daher unausweichlich zu sein.
Der spannendste Ansatzpunkt für eine Veränderung des Reproduktionsverhaltens dürfte aber das Geschlechterverhältnis sein. Wir sind es gewohnt, den Anti-Kinder-Trend vor allem als Nebeneffekt der höheren Bildungsbeteiligung von Frauen zu betrachten. Wirklich frappierend aber ist die zunehmende Kinderlosigkeit der Männer (bis zum 45. Lebensjahr), besonders der Akademiker: Diese blieben 1971 nur zu 16Prozent kinderlos, heute zu 35,6 Prozent (nur 32,7 Prozent der Akademikerinnen bis 45 bleiben ohne Nachwuchs). Die Autoren konstatieren eine Art deutsches Nesthockersyndrom: Während junge Männer in Dänemark, Finnland oder den Niederlanden deutlich früher von zu Hause ausziehen, bleiben deutsche Jungs gern bis Mitte zwanzig bei den Eltern. Vergleichbares Verhalten zeigen auch Griechen, Italiener und Spanier. Kann es sein, dass diese Muttersöhnchentendenz vor allem in jenen Gesellschaften anzutreffen ist, die – anders als etwa die skandinavischen Länder – an traditionellen Männerbildern festhalten?
Natürlich sind, und das Gutachten Starke Familie weist zu Recht darauf hin, die Ausbildungszeiten in Deutschland besonders lang, der Berufseinstieg ist schwieriger geworden und durch endlose Praktika und Erprobungsphasen ausgedehnt. Aber alle diese Faktoren hindern junge Frauen offensichtlich nicht daran, aus dem Elternhaus auszuziehen und sich auf Partnerschaft oder Ehe einzulassen. So ist die Hälfte der weiblichen 30-Jährigen verheiratet, aber weniger als ein Drittel der männlichen.
Woran kann das liegen? Überschätzen traditionell empfindende junge Männer die Größe ihrer Aufgabe als Familienernährer? Lassen sie sich vorsichtshalber auf gar nichts ein aus Angst, den vermuteten Erwartungen nicht gerecht zu werden? Verliert die Vaterrolle an Attraktivität, wenn sie nicht mehr mit der Würde des Familienoberhaupts ausgestattet ist? Ein Europa-Vergleich des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung aus dem Herbst weist in diese Richtung. »Der Rückgang der Geburtenrate ist dort am stärksten ausgeprägt, wo Frauen weitgehend emanzipiert sind, wo der Rest der Gesellschaft aber noch auf einem vergleichsweise traditionellen Entwicklungsstand verharrt. Gesellschaften, in denen die neue Rolle der Frau anerkannt und unterstützt wird, zeichnen sich hingegen durch relativ hohe Kinderzahlen aus«, heißt es dort.
Es ist womöglich das größte Verdienst der Familienkommission der Robert Bosch Stiftung, dass sie mehr Licht auf die Kehrseite jener »neuen Rolle der Frau« wirft: auf die vorläufig unklare, noch gar nicht recht zu erkennende neue Rolle des Mannes.
Quelle: die Zeit, 03.01.2006
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