Eines eint Amerikaner und Europäer: Sie sind beide schwach und wissen nicht, wie sie den Wirtschaftsmächten China und Indien Paroli bieten sollen
Von Jan Ross
Vom Westen will man eigentlich nichts mehr hören. Wir haben das alles durchgesprochen, Bush, den Irak−Krieg, Amerika und Europa, die Wertegemeinschaft und ob sie noch besteht. Das ist eine verwickelte, narzisstische Geschichte, eine Identitätssuche mit den ständigen Fragen: Wer bist du? Wer bin ich? Wer sind wir?
Vielleicht haben wir dabei etwas übersehen. Es gibt noch ein anderes Problem des Westens, eines, das Amerika und Europa verbindet, was in diesem Fall keine gute Nachricht ist. Es ist das Problem ihrer gemeinsamen Schwäche. Es hat eine offizielle, politische Seite, seine Außenseite. Da sieht man eine EU, die mit Angela Merkel einen Haushalt zustande gebracht hat, aber nicht weiß, wo die Erweiterung ein Ende findet. Man sieht einen US−Präsidenten, der gestern noch wie der Herr der Welt dastand und heute die Kontrolle über Washington, D. C., verloren hat. Man sieht auch einen Staatschef Irans, der an der Grenze zur politischen Tollheit agiert und von den Regierungen des Westens nur folgenlos zur Ordnung gerufen wird. Die Führer der »freien Welt«, wie es zu Zeiten des Kalten Krieges geheißen hätte, kämpfen mit
Überforderung.
Hinter der Staatspolitik steckt ein Krisengefühl, die Innenseite des westlichen Schwächeproblems. Der Islam macht Angst. Da sind die brennenden Autos in den Vorstädten von Paris, die Kopftücher, die Aussicht auf einen EU-Beitritt der Türkei. Das reiche, alternde, sich leerende Europa fürchtet sich vor den jungen Armen, die kommen könnten, wie die Verzweifelten, die im vergangenen Herbst die spanischen Enklaven in Nordafrika stürmten. Unheimlich ist vielen der Glaube der Muslime – dem christlichen Amerika die Feindseligkeit des politischen Islams, dem säkularen Europa der intensive Glaube überhaupt. Auf der amerikanischen Rechten geistert die Schreckensfantasie von »Eurabien« herum: ein demografisch absteigendes, religiös ausgehöhltes Europa, das von muslimischen Immigranten übernommen wird.
Und es ist nicht nur der Islam. Vom Aufstieg Chinas und Indiens hat jeder gehört. Kanzlerreisen nach Asien mit Scharen von Topmanagern sollen Zukunftsmärkte für die deutsche Industrie erschließen, aber die Stimmung im Hintergrund ist eine von überwältigender Konkurrenz – Billigarbeit, Spitzentechnologie, und alles in unvorstellbaren Dimensionen: Woher soll das ganze Öl kommen, wenn eines Tages jeder Chinese Auto fährt? Die Eliten reden von den Chancen der Globalisierung, doch die Völker möchten sich einigeln.
Im Iran-Streit spielen plötzlich auch Russen, Inder und Brasilianer eine Rolle
Der Glaubenseifer des Islams und die Wirtschaftskraft Asiens, die Menschen, die an unsere Tür klopfen, und die Waren, die auf unsere Märkte drängen – das ergibt ein Bild des Westens als einer flutbedrohten Insel. Das ist nicht mehr »Außenpolitik«, nichts Abstraktes wie das Atompatt mit der Sowjetunion, die Existenzbedingung der atlantischen Nato-Welt in ihrer vorigen historischen Epoche. Das hat die Macht, Leben und Alltag zu verändern, das Gefühl, mit dem wir eine U-Bahn besteigen.
In der »großen«, internationalen Politik zeigt sich die neue Schwäche des Westens am klarsten, wenn man sie mit der schon klassischen Krise von 2002/03 vergleicht, dem Krach um den Irak-Krieg. Das war die Stunde des gespaltenen Westens. Die Weltformel von damals hat der neokonservative Essayist Robert Kagan geprägt, als er den Gegensatz von »Mars« und »Venus« erfand: ein militantes Amerika und ein postmodern-pazifistisches Alteuropa als konkurrierende Machtzentren.
Im Schock über den transatlantischen Riss und in der Betriebsamkeit, ihn noch einmal zu kitten, lag aber auch eine fast selbstverständliche Hoffnung: dass alles wieder gut würde, wenn die USA und Europa nur wieder einig wären. Die Kagan-Welt war im Grunde ein Zweipersonenstück verkrachter Partner. Wenn Bush und Blair sich mit Chirac und Schröder in der Irak-Frage auf eine gemeinsame Linie verständigt hätten, wäre das eben die Weltmeinung gewesen, und von Moskau, Peking oder Delhi aus hätte man kaum versucht, eine grundsätzlich andere Politik zu propagieren.
Diese Selbstgenügsamkeit und Alternativlosigkeit der amerikanisch-europäischen Perspektive, ihr Deutungs- und Führungsmonopol in der Weltpolitik, wird jetzt infrage gestellt. Nicht von einem verzweifelten globalen Proletarieraufstand, der auf UN-Konferenzen Hunger oder Aids auf die internationale Tagesordnung zu setzen versucht und dann doch vor den harten Themen und Interessen der reichen und mächtigen Länder kapitulieren müsste. In der Macht- und Interessenpolitik selbst verschieben sich die Gewichte. Man braucht nur auf den aktuellen Streit um das iranische Nuklearprogramm zu schauen – das Szenario sieht ganz anders aus als im Fall Irak. Dies ist keine Auseinandersetzung des Westens mit sich selbst mehr. Amerika und Europa sind sich einig, dass das Mullah-Regime die Bombe nicht bekommen darf. Aber auch mit vereinten Kräften kann der Westen nicht mehr automatisch seinen Willen durchsetzen. Er ist zu klein geworden. Plötzlich kommt es auf die Russen an, die Iran Atomkraftwerke liefern und angeboten haben, die umstrittene Uran-Anreicherung bei sich im Land vorzunehmen. Indien, Brasilien und Südafrika müssen überzeugt werden, dass die Kernwaffenkontrolle keine Bevormundungspolitik ist, die den Ländern des Südens Aufstiegschancen vorenthält. Die Iraner kalkulieren, ob sie sich nicht auch nach Asien orientieren können, wo ihr Öl ebenso begehrt ist, und ob das chinesische Modell – wirtschaftliche Öffnung bei autoritärer Politik – nicht aus Regime-Sicht viel verlockendere Chancen bietet als die westliche Moderne.
Das stärkste Argument, warum die Führung in Teheran zum Verzicht auf das Atomprogramm bereit sein könnte, lautete immer: weil Iran sich am Ende nicht völlig isolieren, kein Paria-Staat werden wolle. Zumindest im Gedankenexperiment muss man sich einmal eine Zukunft auszumalen versuchen, in der ein Paria-Image bei Amerika und Europa nicht länger selbstverständlich globale Isolation heißt. Die »multipolare Welt«, von der der französische Präsident gern spricht, ist nicht mehr bloß ein Losungswort für den Widerstand gegen die Übermacht der USA, die multipolare Welt ist eine sich entwickelnde Realität – und für Paris mindestens so beunruhigend wie für Washington.
Das amerikanische Imperium als Ordnung des neuen Zeitalters würde jetzt keiner mehr selbstverständlich ausrufen, anders als vor zwei, drei Jahren, als alle mit Faszination oder Schrecken von einer nie dagewesenen militärischen, ökonomischen und kulturellen Hegemonie der USA redeten. Vielleicht fragt man sich heute sogar, wie man damals an eine so überwältigende Dominanz glauben konnte. Aber das war das Merkwürdige an der Katastrophe des 11. September: dass sie zugleich eine furchtbare Panik und eine ungeheure Kraftentfaltung auslöste. Die erschütterte Sicherheit Amerikas sollte durch die globale Ausbreitung der Freiheit wiederhergestellt werden, durch eine Weltmission, die ihren Schwerpunkt in der demokratischen Umgestaltung des Nahen und Mittleren Ostens und ihre Initialzündung im »Regimewechsel« in Bagdad fand.
Das war ein zwiespältiges Unterfangen, schillernd zwischen Supermachtarroganz und Völkeremanzipation. Anders als viele Europäer meinen, sind sie daran nicht unbeteiligt. Die neokonservativen Revolutionäre spitzen letztlich bloß zu und treiben ins Extrem, was seit den neunziger Jahren, seit den Balkan-Kriegen, gerade Liberale gedacht haben: eingreifen, auch militärisch, wo Menschenrechte verletzt werden, eine aufgeklärte Vormundschaft über die Sorgenkinder der internationalen Gemeinschaft übernehmen. Da sitzen auch die Europäer, mit ungewisser Dauer, nicht in so prekärer Lage wie die Amerikaner im Irak – aber man kommt doch ins Nachdenken darüber, wie viele solcher Engagements wir uns leisten wollen und können.
Wer das politisch Unkorrekte nicht scheute, erkannte in der neuen Interventionspolitik eine moderne, humanitäre Renaissance und Aktualisierung des Kolonialismus: Es ging wieder darum, die »Bürde des weißen Mannes« zu schultern und den Barbaren unserer Zeit das Licht der Kultur zu bringen. Es war der Versuch, dem Westen noch einmal einen Sinn und eine Aufgabe zu verleihen. Als er sich zerstritten hatte über den Irak-Krieg, sollte das gemeinsame Zivilisationsprojekt die Wiederversöhnung oder wenigstens eine Art Arbeitsteilung bringen: Wir machen es nicht wie ihr Amerikaner, sagten die Denker und Sprecher der Alteuropäer, wir verbreiten die Freiheit nicht mit Feuer und Schwert. Aber Freiheit und Fortschritt verbreiten wir auch, friedlich, mit den Mitteln des Rechts; unsere Werte strahlen in unsere Nachbarschaft aus und verwandeln sie – Serbien, die Türkei, die Ukraine, eines Tages Weißrussland. Auch diese europäische Perspektive war imperial, wie die amerikanische: von oben nach unten, vom Zentrum auf die Peripherie, vom Zukunftsmodell der demokratischen Integration auf die Vorsintflutlichkeit von Nationalismus und Diktatur.
Es ging wieder darum, den Barbaren das Licht der Kultur zu bringen
An diesem letzten großen Entwurf des Westens als historischer Avantgarde nagt nun der Zweifel. Die Rechnung war ohne die Völker gemacht. Die Bürger Europas fühlen sich nicht so stark, dass sie mit ihrer Anziehungskraft Geschichte schreiben und ein kontinentales Friedensreich gründen möchten, schon gar nicht durch die Aufnahme immer neuer EU-Mitglieder. Die Türkei ist ihnen unheimlich, Weißrussland egal. Sie leben auch nicht in dem Bewusstsein, mit Integration, Souveränitätsverzicht und dem Prinzip Brüssel der Welt ein Beispiel für eine postnationale Ordnung zu geben, sondern klammern sich an das bisschen Nation, das ihnen bleibt. Und die USA sind keine Kolonialmacht, die ihr Gut und Blut dafür opfert, ferne Länder und Leute zu befrieden und zu erziehen: Amerika will nicht den amerikanischen Nahen Osten schaffen, es will seine Soldaten nach Hause holen.
Vor allem aber wird der Missions- und Vorbildanspruch im globalen Maßstab fragwürdig. Im Vergleich mit einer rückständigen arabisch-muslimischen Welt darf der Westen sich seiner Überlegenheit noch sicher sein; notfalls genügt ein Blick auf die harten Daten, auf Technologie, Bildungsniveau und Wirtschaftskraft, um uns über unseren Vorsprung zu beruhigen. Flugzeuge in Hochhäuser steuern können sie, hat man über die Attentäter des 11. September gesagt, Flugzeuge bauen können sie nicht. Trauen wir uns denselben privilegierten Fortschrittsstolz gegenüber China zu, die Gewissheit, das »wir« schon da sind, wo »sie« erst hinwollen? In Kairo oder Damaskus sitzen Verlierer der neuen Zeit, in Peking und Shanghai Gewinner – denen ist schwerer zu predigen. Die Angst vor dem Islam ist eine vor den Grenzen der Moderne, davor, dass sie irgendwo nicht hinreichen und nicht Fuß fassen könnte. Die Angst vor Asien, wenn man denn so reden soll, ist die vor einer anderen Moderne, davor, dass uns die Moderne weggenommen wird. Von jenen, die sie erfolgreicher zu nutzen und mehr aus ihr herauszuholen verstehen.
Das Seltsamste an der gegenwärtigen Schwäche des Westens ist vielleicht, dass sie sich ohne ernsthafte ideologische Herausforderung, ohne fundamentalen Widerspruch ereignet. Die europäisch-amerikanischen Grundüberzeugungen, das Bekenntnis zu Menschenrechten, Demokratie und Markt, bleiben ohne echte politische Konkurrenz. Putin kann an einer autoritären Herrschaft bauen, aber er darf sich nicht offen dazu bekennen. Der radikale Islam ist ein Gegenprojekt zur westlichen Moderne, doch es ist schwer vorstellbar, dass er wie der Marxismus zu einer universalen, auf dem ganzen Globus wirksamen Weltanschauungsalternative werden könnte. China ist eine potenzielle Supermacht, ein Koloss im Kräftespiel der Zukunft, aber seine Doktrin ist längst mehr nationalistisch als kommunistisch, und auf die Stabilität der Pekinger Parteidiktatur möchte man nicht wetten. Die vor einigen Jahren noch populäre Rede von den »asiatischen Werten« als Gegenmodell zum individualistischen Liberalismus des Westens ist weitgehend verstummt. Anders als im Kalten Krieg steht der atlantischen Welt kein hochgerüsteter Widerpart mit Absolutheitsanspruch gegenüber; es gibt die Sowjetunion des 21. Jahrhunderts nicht.
Hier die Stärke der westlichen Prinzipien, da die geschrumpfte Statur und die Selbstzweifel des Westens in seiner konkreten, amerikanisch-europäischen Gestalt – das ist die Lage. Es lohnt sich, sie sich einmal in einer gewissen Schlichtheit klarzumachen, ohne dauernde Ablenkung durch das Streitwesen um Bush oder Chirac. Es ist keine verzweifelte Lage – nicht nur sind die Ideen des Westens im Kern unangefochten, auch seine Kräfte sind immer noch beträchtlich. Zehn oder zwanzig Jahre zum Prägen der globalen Agenda bleiben ihm gewiss. Bill Clinton hat eine gute Beschreibung der Aufgabe gegeben, die sich den Vereinigten Staaten, im Grunde aber dem Westen insgesamt stellt: zu Zeiten unserer Macht den Übergang in eine Welt zu finden, in der wir auch dann noch leben mögen, wenn es mit unserer Macht nicht mehr so großartig bestellt ist.
Quelle: Die Zeit, 06.01.2006
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