Tuesday, der 07.09.2010



 
 
Frontwechsel 2006-02-06 11:29:18
Amerikas Regierung und die großen Medien sind sich einig: die Mohammed-Cartoons gehören nicht in die Zeitung. Rechte Blogger halten dagegen und entdecken ihre Liebe zu den Dänen

Von Thomas Kleine-Brockhoff



Das offizielle Amerika ist sich einig: Die Karikaturen hätten nicht gedruckt werden dürfen. Die Provokation einer religiösen Minderheit, ganz klar. Wäre in Amerika nicht passiert. Mal wieder ein transatlantischer Dissens. Nur diesmal mit verkehrten Rollen: Aus dem "alten Europa" stammen die Stimmen der Unnachgiebigen, die ihre Meinungsfreiheit gegen die Intoleranz verteidigen wollen. Aus der neuen Welt kommen jene, die Religionsfreiheit und Respekt vor Minderheiten betonen.

In der Presse gibt es eine stille Übereinkunft: Die Cartoons werden nicht gezeigt. Nicht in der New York Times und nicht in der Washington Post, nicht in der Los Angeles Times und nicht in der Chicago Tribune. In Chicago trafen sich die Redakteure zu einer längeren Redaktionssitzung. Der Beschluss lautet: "Wir können den Lesern auch klarmachen, worum es geht, ohne die Zeichnungen zu zeigen." Ähnlich argumentiert das konservative Wall Street Journal: "Wir wollen nichts publizieren, das als aufhetzend empfunden werden könnte, wenn es nichts zur Geschichte beiträgt." In klarer Kritik an europäischen Zeitungen wie der ZEIT, die eine oder mehrere Zeichnungen nachdruckten, schreibt die Washington Post: "Keine ernsthafte amerikanische Zeitung würde Zeichnungen von Jesus in Auftrag geben, in denen es nur darum geht, Christen zu ärgern. Und wenn es doch geschähe, so wäre die Reaktion gewiss. Politiker würden sofort zum Kongress pilgern und ein Gewitter würde auf die Übeltäter niedergehen." Was in Dänemark geschah, findet die Post, sei Ergebnis des "religiösen Fundamentalismus, angeheizt durch politischen Fundamentalismus." Es scheint die Pressefreiheit gemeint zu sein. Ein bemerkenswerter Satz.

Das Fernsehen, obwohl angewiesen auf Bilder, reagiert ähnlich. Nichts zu sehen auf CBS, auf CNN nur ein verschwommenes Bild. Nur ABC hat eine der Karikaturen einige Sekunden lang gezeigt. Ein Sprecher des Senders rechtfertigt seinen Arbeitgeber so: "Wir konnten dem Publikum nicht wirklich erklären, worum es in der Kontroverse geht, ohne die Kontroverse zu zeigen."

Die Verblüffung der amerikanischen Journalisten über einen Teil ihrer europäischen Kollegen entspringt dem amerikanischen Verständnis von religiöser Toleranz. Das Land kennt keine Mehrheits-Religion. Es wurde als Staat der Sekten gegründet. Von allem Anfang an mussten alle Bewohner die religiösen Sitten aller anderen Bewohner tolerieren. Heute respektiert die Gesellschaft – Arbeitgeber wie Schulen – religiöse Feiertage aller Religionen. Ramadan spielt im christlichen Teil Amerikas eine größere Rolle als im christlichen Teil Deutschlands - obwohl der Anteil der Muslime in Amerika wesentlich kleiner ist. Ständig sehen sich Offizielle in multi-religiösen Städten wie New York dem Vorwurf der Benachteiligung einer oder mehrerer Gruppen ausgesetzt. Drum tun sie alles, religiöse Aufwallungen zu vermeiden. So erklärt sich der Streit, ob Weihnachten noch Weihnachten heißen darf. Eine entchristlichte Variante, eine "Feriensaison", würde jüdische und afro-amerikanische Feiertage einschließen. Schon heute steht neben Christbäumen vielfach die Menora, um religiöse Vielfalt auszudrücken.

Aus der Perspektive der weitgehenden Gleichberechtigung von Mehrheits- und Minderheitsreligionen im öffentlichen Raum mutet die Veröffentlichung der Karikaturen in Europa geradezu hinterwäldlerisch an. Europa, so klingt mancher Kommentar, habe mal wieder die Moderne nicht verstanden. Komme mit Einwanderung nicht zurecht, mit Glauben nicht, also nicht mit Minderheiten. Kein Wunder also, dass sich die Muslime beschweren. Das Unverständnis gegenüber der alten Welt drückt Bill Clinton ziemlich radikal aus. Er sagt: "Und was sollen wir nun tun? ... Antisemitische Vorurteile gegen antimuslimische Vorurteile austauschen?" In dieser Äußerung spiegelt sich das Misstrauen, der Geist des Rassismus schlummere irgendwo in Europa. Auch das Genre der politischen Karikatur selbst weckt in Amerika Erinnerungen an den Stürmer, wie ein Satz auch der New York Times zeigt: "Die Stereotypisierung durch Cartoons hat eine dunkle Geschichte in Europa, wo antisemitische Karikaturen den Holocaust anfachten, genauso wie sie noch heute die anti-israelische Propaganda im Nahen Osten befeuern." Sogar die amtierende Regierung reiht sich ein in diesen Mainstream. Der Sprecher des Außenministeriums sagte, die Karikaturen wirkten verletzend für Muslime. Es sei nicht akzeptabel, in dieser Weise religiösen und ethnischen Hass hervorzurufen. Pressefreiheit müsse mit Verantwortung ausgeübt werden.

Bei so viel Einigkeit kann es nicht ausbleiben, dass sich eine kleine Opposition ihr eigenes Forum schafft. Das ist - wie häufig - das Internet. Diverse politische Blogs haben ihre Gestaltung verändert und erscheinen in den dänischen Farben. "Wir sind alle Dänen", steht drüber, oder: "Die Freiheit verteidigen. Dänemark verteidigen". Am Sonntagnachmittag, vor dem wichtigsten Sportereignis des Jahres, dem Endspiel der amerikanischen Football-Meisterschaft, gab ein Reserve-Soldat bekannt, er wisse nicht viel über Dänemark, außer dass es eine westliche Demokratie sei. Nun werde er aber, bevor er das Spiel anschaue, dänisches Bier einkaufen. Den arabischen Boykott dänischer Produkte haben nämlich diverse Blogger mit dem Aufruf beantwortet: "Kauft dänisch." Im Internet kursieren Listen dänischer Produkte von Legosteinen bis H2O-Kleidung.

Diese Blogger gegen den politischen Mainstream stehen fast sämtlich politisch rechts. Zum Marktplatz der Cartoon-Opposition ist michellemalkin.com geworden. Hier finden sich auch Versuche, den Mainstream zu erklären. Haupt-These: Das links-liberale Amerika habe seine Multikulti-Ideologie verinnerlicht, glaube an die Viktimisierung immer neuer Gruppen durch den machthabenden Westen und übersehe die Herausforderung westlicher Freiheit durch die Ideologie der Intoleranz. Eine gezielte Kampagne nahöstlicher Diktaturen spiele mit dem verbreiteten Schuldkomplex im Westen.

Für die politische Rechte ist die Solidarisierung mit alteuropäischen Zeitungen eine bemerkenswerte Wende. Denn in Zeiten der Irak-Debatte waren es ja die Alteuropäer, die nach Lesart der Rechten alle Maßstäbe und vor allem ihr Rückgrat gegenüber dem radikalen Islam verloren hatten. Wie sich die Zeiten ändern. Der Cartoon-Streit lässt die Frontlinien innerhalb der westlichen Welt verschwimmen.


Quelle: © ZEIT online, 5.2.2006

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