Im Treppenhaus wäre ich um ein Haar mit meiner Nachbarin Frau Jackmann zusammengeprallt. "Na, Sie haben es aber eilig", rufe ich erstaunt, "gibt es irgendwo etwas umsonst?" - "Ich muss nach Aldi", keucht sie, "mein Sohn will doch unbedingt so einen Plasma-Fernseher haben. Und jetzt gibt es im Aldi einen für 899 Euro, aber nur für kurze Zeit!" - "Na, dann viel Erfolg!", wünsche ich. "Danke!", ruft Frau Jackmann noch und ist schon auf der Straße. Als ich in meiner Wohnung bin, greife ich sofort nach Papier und Stift und notiere: 8. Februar, Frau Jackmann kauft 'im Aldi'.
Frau Jackmann geht manchmal seltsame Wege, vor allem in sprachlicher Hinsicht. Dass man zu einem Supermarkt geht und nicht nach einem Supermarkt, das wollte ihr bis heute nicht einleuchten. Frau Jackmann geht beharrlich nach Aldi und nach Lidl, und analog zu ihrem Sohn, der jedes Jahr zum Wintersport nach Karlsbach fährt, geht sie regelmäßig zum Winterschluss nach Karstadt.
Die Supermarktkette der Gebrüder Albrecht hat es nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht zu bundesweiter Bekanntheit gebracht - auch als linguistisches Phänomen ist Aldi zu Ruhm gelangt. Denn kein sprachlicher Zweifelsfall entzweit die Deutschen so sehr wie die Frage, ob man nun "zu Aldi" geht oder "nach Aldi". Und jeder kennt den Witz mit dem Manta-Fahrer, der auf der Suche nach einem Supermarkt neben einem Türken bremst. "Ey, sag mal, wo geht's hier nach Aldi?", fragt er. "Zu Aldi", verbessert der Türke. Der Manta-Fahrer guckt verdutzt: "Was denn, schon nach sechs?"
"Nach" heißt es immer dann, wenn das Ziel eine Stadt oder ein Land ist:
Ich fahre nach Lübeck, wir fliegen nach Mallorca, Martin zieht nach Frankreich.
Wenn das Ziel eine Person ist, dann wird dieser Person die Präposition "zu" vorangestellt:
Ich fahre zu Henry, wir fliegen zu meinen Eltern, Elke zieht zu ihrem Freund.
Firmennamen werden in der Grammatik genauso behandelt wie Personennamen. Meistens ist der Name einer Firma ja aus einem Personennamen hervorgegangen. Für Frau Jackmann scheint es sich bei Karstadt allerdings nicht um eine Firma zu handeln, sondern eher um eine Ortschaft; denn bei ihr heißt es grundsätzlich "nach Karstadt". Nun deutet der zweite Bestandteil des Namens ja auch auf eine stadtartige Beschaffenheit hin, und Frau Jackmann beweist immer wieder, dass man sich mühelos einen ganzen Nachmittag in dieser Stadt aufhalten kann, ohne dass einem langweilig wird.
In einigen Gegenden soll man sogar "Ich geh bei Aldi" sagen können, so wie man beispielsweise auch sagt: "Am Sonntag gehen wir alle wieder schön bei der Oma!". Bei uns auf dem Dorf gab es eine Bäuerin, die ihre kleine Tochter stets mit den Worten zu sich rief: "Andrea, komm bei Mutti!"
Das Verwirrende an dieser Sache ist, dass die Fügungen "bei Mutti" oder "bei der Oma" ja nicht grundsätzlich falsch sind. Man kann zum Beispiel sagen: "Ich bin gern bei meiner Oma" oder "Bei Mutti schmeckt's am besten". Wenn die Person mit "wo" erfragt werden kann, ist "bei" die richtige Präposition. Die Verben "gehen" und "kommen" führen allerdings nicht zur Frage "wo?", sondern zu "wohin" und können daher nur mit "zu" oder "nach" gebraucht werden. (An dieser Stelle ahne ich natürlich schon wieder eine Flut von Zuschriften mit zweideutigem Inhalt: "Lieber Zwiebelfisch, kann man das Verb 'kommen' wirklich nicht mit 'bei' gebrauchen?")
In Süddeutschland kauft man "beim" Aldi oder "beim" Lidl. Das liegt daran, dass Namen dort prinzipiell mit Artikel gesprochen werden: der Franz, die Elisabeth, das Mariandl. Man geht vornämlich zum Alois, zum Michl und zur Christa, aber auch nachnämlich zum Hillgruber, zum Moosbauer und zum Obermayer - folglich auch zum Aldi und zum Lidl. Wer also gerade "beim" Spar war, "zum" Edeka will oder "vom" Rewe kommt, der drückt sich nicht etwa falsch aus, sondern typisch süddeutsch.
Frau Jackmann kauft nicht bei Aldi, auch nicht beim Aldi, sondern im Aldi. Vermutlich würde sie argumentieren, dass Aldi ein Supermarkt sei, und schließlich heiße es "im Supermarkt", also müsse man auch "im Aldi" sagen können. Mit Frau Jackmann über Sprache zu diskutieren ist übrigens aussichtslos, dabei habe ich schon mehrmals den Kürzeren gezogen. Ich höre sie schon sagen: "Es heißt ja auch 'im Media-Markt', also sage ich auch 'im Aldi'. Oder sagen Sie etwa 'in Media-Markt', Herr Sick? Na also, da kannste mal wieder sehen!" - "Es heißt zwar 'alles im Eimer', aber eben nicht 'alles im Aldi'", bliebe mir nur noch trotzig zu erwidern. Aber das würde an Frau Jackmanns Punktesieg auch nichts mehr ändern.
Dass Ausländer sich angesichts solcher Probleme mit deutschen Präpositionen besonders schwer tun, ist nur allzu verständlich. Die junge Generation deutscher Türken (oder türkischer Deutscher) hat in ihrem hinreißenden Jargon das Problem auf ganz einfache, klare Weise gelöst: Vor Aldi, Lidl und anderen Geschäften steht überhaupt keine Präposition mehr. Der Streit über "nach" oder "zu" ist hinfällig: "Ich muss gleich noch Aldi!", heißt es zum Beispiel voll krass, oder: "Kommste mit Karstadt?"
Frau Jackmann findet das ganz schauderhaft. "Wer so redet, der findet doch nie im Leben eine Arbeit. Nicht mal als Packer im Aldi."