Wednesday, der 08.09.2010



 
 
Vorstellungsgespräch: richtig antworten 2006-06-29 16:24:19
Mit Kopf, Charme und Methode

Was sind Ihre Stärken und Schwächen? Und warum sollen wir gerade Sie einstellen? Wie man auf typische Fragen im Vorstellungsgespräch richtig antwortet.
Von Oluf F. Konstroffer


Warum haben Sie sich beworben?

Ihre Antwort muss deutlich machen, dass die ausgeschriebene Position, vielleicht auch die Perspektiven, die Sie vermuten, sehr attraktiv für Sie sind, Sie dem Anforderungsprofil weitgehend entsprechen und Sie deshalb sicher sind, die Erwartungen des Unternehmens erfüllen zu können. Je nach organisatorischer Einstufung der angestrebten Funktion können Sie auch das Thema "Ich möchte mich weiterentwickeln, ich will weiterkommen und bin bereit, Überdurchschnittliches zu leisten" kurz und prägnant streifen.


Das sollten Sie auf jeden Fall vermeiden:
Keinesfalls sollten Sie in diese Frage einsteigen mit der Antwort, dass in Ihrer jetzigen Firma alles drunter und drüber geht, Ihr Vorgesetzter vom Geschäft nichts versteht und als Führungskraft schwach ist und dass keiner Ihre Leistungen würdigt. Sprechen Sie möglichst niemals schlecht über Ihren Arbeitgeber.


Ihr Ziel ist, eine neue Herausforderung zu finden, und das erfordert den Blick nach vorne und nicht den Blick zurück im Zorn.

Was sind Ihre Stärken?

Diese Frage müssen Sie, wie bereits angedeutet, überlegt angehen, denn im nächsten Schritt werden Sie gebeten, über Ihre Schwächen zu berichten. Da Sie nicht schon zu Beginn zu viel von Ihren persönlichen Eigenschaften preisgeben wollen, werden Sie sich auf die Beantwortung der fachlichen Anforderungen, wie sie in der Stellenanzeige formuliert sind, konzentrieren.

Hier wurde ausgeführt, dass Sie einen bestimmten Hochschulabschluss, vielleicht auch fünf Jahre relevante Praxis, sehr gutes Englisch und bestimmte PC-Kenntnisse nachweisen können sollten. Also präsentieren Sie als Stärken die geforderten Fertigkeiten und Erfahrungen.

Dann schwenkt der Anforderungskatalog der Stellenausschreibung auf das Gebiet der persönlichen Eigenschaften: Diesmal sollen Sie flexibel, mobil, belastbar und teamfähig sein oder kreativ und initiativ. Andere Firmen suchen, zum Beispiel für den Vertrieb, dynamische, ehrgeizige Leute, die hoch gesteckte Ziele erreichen wollen. Spätestens jetzt werden Sie sich mit den erwünschten persönlichen Eigenschaften befassen müssen.


Das sollten Sie auf jeden Fall vermeiden:
Bitte jedoch mit Vorsicht: Übertreibungen erzeugen beim Interviewer den Eindruck, dass Sie nicht selbstkritisch genug sind, ein infantiler Angeber mit Größenwahn sein könnten oder dass Sie zumindest nicht mit beiden Beinen auf dem Boden stehen. Sie sind weder Wonder Woman noch Superman und das erwartet auch niemand von Ihnen. Ihre Antworten sollten realistisch und glaubwürdig sein. Lügen haben, wie so oft im Leben, kurze Beine.


Hier ein Beispiel: Sie führen aus, dass Sie flexibel und mobil sind und sehr gut Englisch sprechen. In Wirklichkeit sind Sie zwar flexibel, aber nicht mobil. Sie wohnen im Haus Ihrer Schwiegereltern, Ihre Frau kümmert sich um ihre kranken Eltern, sie hat einen Halbtagsjob bei einem befreundeten Steuerberater und sie ist im dritten Monat schwanger. Sie sind also genau betrachtet nicht mobil, wenn Ihr zukünftiger Arbeitgeber Sie nach sechs Monaten von Regensburg nach Osnabrück oder von Frankfurt in die Niederlassung nach Warschau versetzen wollte.

Ihre sehr guten Englischkenntnisse können manchmal schneller getestet werden, als Ihnen lieb ist: "Da ist gerade der VP Human Resources unserer US-Muttergesellschaft im Haus. Der sollte Sie mal kennen lernen, denn in der Funktion des Business Analyst werden Sie ohnehin beinahe täglich mit den Corporate Headquarters zu tun haben." Und wenig später kommt ein großer, schwergewichtiger Bursche im Alter von Mitte 40 ins Zimmer, begrüßt Sie sehr freundlich, nennt Sie gleich beim Vornamen und fordert Sie in schönstem amerikanischem Englisch auf – er kommt aus Chicago –, ihm kurz zu erzählen, was für ein Typ Sie sind und was Sie fachlich so draufhaben.

Wenn Sie jetzt vor lauter Schreck herumstottern und deutlich wird, dass Ihre Englischkenntnisse nicht sehr gut sind, dann haben Sie schlechte Karten. Also: Immer bei der Wahrheit bleiben oder zumindest dicht dran. Noch ein Satz in Bezug auf die persönlichen Stärken: Jede bedingt auch eine Schwäche, jede Münze hat zwei Seiten.

Was sind Ihre Schwächen?

Diese Frage kann auch wie folgt verpackt sein: Wo wären Sie gerne stärker? Viele, die sich als dynamische Manager positioniert haben, geben gerne als Schwäche an, dass sie zu ungeduldig sind, nicht abwarten können, dass ihnen nichts schnell genug geht. Das ist sicher in einigen Fällen zutreffend, und wenn Sie eine Position im Verkauf anstreben, kann das durchaus für Sie sprechen.

Das sollten Sie auf jeden Fall vermeiden: Wenn Sie jedoch eine Funktion mit strategischer, analytischer, planerischer oder konzeptioneller Ausrichtung suchen, dann haben Sie ein Eigentor geschossen.

Konstruieren Sie keine Schwächen, nur damit Sie eine genannt haben. Überlegen Sie mal: Haben Sie sich nicht in einigen Punkten in den letzten Jahren weiterentwickelt? Sie haben also hinzugelernt. Sie hatten vielleicht nach Ihrem Studium das Problem, dass Sie nicht pünktlich waren. Termine konnten Sie, wenn überhaupt, nur mit knapper Not einhalten, meistens mussten Sie sich für eine 20-minütige Verspätung entschuldigen. Das Problem haben Sie im Griff, wie Sie überhaupt jetzt disziplinierter und zielorientierter arbeiten. Sie haben gelernt, Arbeitsumfänge richtig einzuschätzen, können jetzt besser als früher Prioritäten setzen und Sie halten Termine ein, die von Vorgesetzten zur Ablieferung eines Reports gesetzt werden. Sprechen Sie kurz darüber.

Sollten Sie sich von einer Einzelkämpfer-Position in eine erste Führungsaufgabe verändern wollen, berichten Sie darüber, dass Sie noch am Thema „Delegation von Verantwortung und Kontrolle“ arbeiten müssen. Früher haben Sie nach dem Motto gehandelt: „Ich erledige eine Aufgabe lieber selbst, bevor ich lange mit anderen darüber diskutieren muss, wie es funktioniert.“ Heute wissen Sie es besser.

Aussagen von dieser Qualität in Bezug auf Schwächen wirken echt und glaubwürdig und sie haben den zusätzlichen Charme, dass sie in der Regel auch stimmen.


Was wollen Sie in den nächsten drei bis fünf Jahren
erreichen?


Auch hier sollten Sie schön auf dem Teppich bleiben. Sie sind kein Kind mehr, das unbedingt Pilot, Feuerwehrhauptmann oder Rennfahrer werden will. Denken Sie Schritt für Schritt: Zuerst wollen Sie die angestrebte Aufgabe sehr gut erledigen und sich dabei für die nächste Beförderung empfehlen. Das wird schon einmal drei Jahre in Anspruch nehmen.

In etwa fünf Jahren könnten Sie bei entsprechenden Leistungen und Ergebnissen so weit sein, die Verantwortung Ihres Vorgesetzten zu übernehmen. Da Sie jedoch flexibel sind und pragmatisch denken, könnten Sie sich Ihre persönliche und fachliche Weiterentwicklung auch in einer anderen Abteilung (bedeutet: in einem anderen Umfeld, in einer anderen Firma!) vorstellen.

Wenn Sie Mitte 40 oder Anfang 50 sind, wo sollten Sie dann stehen?

Hier wird abgeklopft, ob Sie sich wirklich mit Ihren beruflichen Zielen und der Laufbahn, die dorthin führen soll, befasst haben. Wieder gilt es, Realitätsnähe zu beweisen. Niemand weiß genau, wie die Arbeitsumgebung in 15 oder 20 Jahren aussehen wird. Dennoch kann man davon ausgehen, dass es Managementfunktionen geben wird.

Wenn Sie wirklich anstreben, die Alleinverantwortung als Geschäftsführer zu übernehmen oder einen Geschäftsbereich mit Ergebnisverantwortung zu steuern, dann sollten Sie das sachlich und überlegt formulieren. Sie wissen, was das für Ihr Leben bedeuten kann: deutlich mehr arbeiten als die meisten, auch unangenehme Entscheidungen treffen. Im Mittelpunkt Ihres Denkens und Handelns werden Ihre Firma und deren Kunden stehen. Je weiter Sie nach oben kommen, desto einsamer können Sie werden. Dabei wird es sehr wichtig sein, dass Ihre Familie vorbereitet ist auf Ihren Alleingang zum Gipfel.

Das sollten Sie auf jeden Fall vermeiden:
Wenn Ihnen dieses Szenario nicht allzu verlockend erscheint, dann glauben Sie bitte nicht, dass Sie als besonders intelligenter Mensch schon einen Weg finden werden, bei dem die Freizeit oder Ihre Hobbys, die Sie mit Leidenschaft pflegen, nicht zu kurz kommen. Es wird einfach nicht funktionieren. Und kurz vor dem Ziel auf der Strecke zu bleiben und sich einem hart arbeitenden und durchsetzungsstarken Konkurrenten unterordnen zu müssen, das kann dann für Sie persönlich sehr demütigend sein und nach außen hin beschämend wirken.


Da ist es schon vernünftiger auszuführen, dass man sich vorgenommen hat, bis in die Position Leiter Vertrieb und Marketing, Leiter Finanz- und Rechnungswesen oder Werksleiter vorzustoßen oder als Mitglied der Geschäftsleitung Verantwortung zu übernehmen.


Warum sollten wir uns für Sie entscheiden?

Jetzt müssen Sie alles auf eine Karte setzen! Möglichst präzise formulieren Sie – immer in Anlehnung an das Anforderungsprofil der Stellenausschreibung –, was fachlich und was persönlich für Sie spricht. Auch hier gilt: Keine Superlative, keine Übertreibungen, Sie müssen die Akzeptanz Ihrer Gesprächspartner finden, Vertrauen aufbauen, um gewinnen zu können. Wer mag schon Menschen, die den Mund zu voll nehmen?


Tipp: Bei solchen oder ähnlichen Fragen sollten Sie nach unserer Erfahrung strategisch immer so vorgehen, dass Sie sich auf das konzentrieren, was gefordert oder erwartet wird, um dann inhaltlich das Entsprechende anzubieten, aber nur dann, wenn Sie es vertreten können. Der Personalverantwortliche wird sich zu allen Ihren Antworten Notizen machen, die dann später bei der Entscheidungsfindung herangezogen werden. Außerdem können Ihre Antworten auch eine Langzeitwirkung entwickeln, insbesondere dann, wenn man Sie für eine förderungswürdige Nachwuchs-Führungskraft hält.

Quelle: SZ Online, 29.06.2006 (Leseprobe aus dem aktuellen Bewerbungsratgeber der Süddeutschen Zeitung)

[schon 2 Kommentare]



 
<< Zurück Ältere >>
 
Archiv:  [ Aktuell ]   [ 1 ]   [ 2 ]   [ 3 ]   [ 4 ]   [ 5 ]   [ 6 ]   [ 7 ]   [ 8 ]   [ 9 ]   [ 10 ]   [ 11 ]   [ 12 ]   [ 13 ]   [ 14 ]   [ 15 ]   [ 16 ]   [ 17 ]   [ 18 ]   [ 19 ]   [ 20 ]   [ 21 ]   [ 22 ]   [ 23 ]   [ 24 ]   [ 25 ]   [ 26 ]   [ 27 ]   [ 28 ]   [ 29 ]   [ 30 ]   [ 31 ]   [ 32 ]   [ 33 ]   [ 34 ]   [ 35 ]   [ 36 ]   [ 37 ]   [ 38 ]   [ 39 ]   [ 40 ]   [ 41 ]   [ 42 ]   [ 43 ]   [ 44 ]   [ 45 ]