Tuesday, der 07.09.2010



 
 
Abschieben hilft nicht 2008-01-02 14:34:48
Kommentar von fatma:

Liebe Besucher meiner Seite!

Nach langer Zeit wieder habe ich einen Artikel für würdig gehalten auf meine Seite zu packen.

Es ist ein Thema, was uns persönlich weniger aber als "ethnische Gruppe" leider mehr betrifft. Weil wir da gedanklich und auch gezielt in Beziehung gebracht werden.
Mich macht das traurig und die Frust und Resignationsschwelle in mir wächst immer mehr... Wie viel Freude macht es mir noch in meinem definitorisch schwerfestzulegenem Heimatland D.land zu leben? Diese Frage mag ich derzeit gar nicht beantworten.
Möge alles sich zum Chayr wenden. master
Hier also der Artikel.


Von Susanne Gaschke

Schönreden aber auch nicht: Jugendkriminalität ist kein Ausländer-, sondern ein Unterschichtproblem

Ein pensionierter Schuldirektor wird in einem Münchner U-Bahnhof fast zu Tode geprügelt sdb82935 , weil er zwei aggressive Jungmachos gebeten hat, nicht zu rauchen. Wer von diesem Vorfall hört, ist entsetzt. Die Solidarität der Mehrheit gilt dem alten Herrn; seinen Mut halten wir für vorbildlich.

Das war nicht immer ganz so: Es gab auch Zeiten, da solches Eintreten für Recht und Hausordnung von vielen – nicht allen! – als etwas spießig und autoritär betrachtet worden wäre. evil5 Inzwischen aber ist es akzeptabel, von einem Kontinuum zwischen scheinbar belanglosen Regelübertretungen und schweren Straftaten zu sprechen. Nicht jeder Schulschwänzer wird zum Verbrecher, aber viele Kriminelle haben in ihrer Jugend unter anderem die Schule geschwänzt: Wer dies sagt, gilt heute nicht mehr als reaktionär. Das ist ein Diskussionsfortschritt.

Jeglichen Fortschritt vermissen lassen hingegen die Reaktionen auf den Umstand, dass der eine Täter im Münchner U-Bahnhof ein Türke, der andere ein Grieche ist. Das Stichwort »Ausländer« löst immer noch den gedanklichen Autopiloten aus, und zwar den konservativen wie den linksliberalen.

Der hessische CDU-Wahlkämpfer Roland Koch, der Unions-Fraktionsvorsitzende im Bundestag Volker Kauder und Bayerns neuer Ministerpräsident Günther Beckstein kennen die Ressentiments, die sich zur Bedienung in der Bild-Zeitung anbieten (»Wir haben zu viele kriminelle junge Ausländer«) mellow, und möchten am liebsten das ganze Problem abschieben – entweder ins Erziehungscamp oder gleich in die Türkei. Die Linksliberalen reagieren mit routinierter Abscheu auf diese »Ausländerfeindlichkeit« und »Stimmungsmache« – und kommen so wieder einmal glücklich darum herum, sich den real existierenden Integrationsdefiziten vieler – nicht aller! – Einwandererfamilien ernsthaft zu stellen.

Beides bringt uns nicht weiter. Dass junge Leute – in aller Regel junge Männer – mit Einwanderungshintergrund mehr Straftaten verüben icon_axe , als es ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entspräche, ist eine Tatsache. Die Frage ist aber, welche Bedeutung ihre ethnische Herkunft dabei wirklich hat. Sprich: Es sind ja nicht die Kinder türkischer Professoren, griechischer Ärzte und albanischer Juristen, die zigmal wegen Raub, Körperverletzung oder Drogenhandel verurteilt werden. Es sind Jugendliche aus Unterschichtfamilien, deren Mangel an Bildung, deren Gewalt- und Verwahrlosungsstrukturen nur allzu sehr den Problemen in den Familien junger deutscher Straftäter ähneln.

Wie unsere original deutschstämmigen Schläger icon_cool2, Räuber und Erpresser sind die Serkans und Mehmets Produkte dieser Gesellschaft. Sie sind durch unser Bildungssystem gegangen, unsere Kindergärten, unsere Schulen, unsere Jugendhilfeangebote und unser Jugendgerichtswesen. Und hier liegt der Unterschied: All diese Einrichtungen hatten jahrzehntelang kaum eine Vorstellung davon, wie man einem türkischen Kind auch nur Deutsch beibringt.

In dieser zentralen Frage war der Autopilot am Werk: Die Konservativen konnten den Gedanken nicht ertragen, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist – und dachten deshalb über wirksame und dauerhafte (Sprach-)Integration am liebsten gar nicht nach blabla . Die Linksliberalen schwelgten in multikultiromantischen Ideen vom »muttersprachlichen Unterricht« – und pflegten darüber hinaus einen unangebrachten Kulturrelativismus, etwa bei den patriarchalischen Gewaltverhältnissen in manchen Einwandererfamilien. Vielleicht war es in diesem anderen Kulturkreis ja normal, Frauen und Kinder zu schlagen? huh Bloß keine Werte aufzwingen!

Aber genau das werden wir müssen. Die Bundeskanzlerin fordert eine Kultur des Hinschauens icon_idea (und Eingreifens!), die helfen soll, Kinder in Deutschland vor dem Verhungern, Verdursten, Verkümmern zu bewahren. Die gleiche – wenn sie ernst gemeint ist: teure, anspruchsvolle, personalintensive und für jeden Einzelnen unbequeme – Einmischung brauchen Einwandererfamilien mit bestimmten sozialen Problemen.

Die Justiz des Landes Bayern hätte sie den beiden U-Bahn-Schlägern angedeihen lassen müssen. Der bayerische Ministerpräsident wäre der richtige Mann, um herauszufinden, warum das nicht funktionierte. Das würde unserer Gesellschaft sehr viel mehr nützen als Exegesen zum Aufenthaltsrecht. thumbsup

Quelle: Die Zeit (.de) 03.01.08

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